Samstag, 9. Januar 2010
(vorläufige) Einstellung
Ich stelle heute dieses Trennungstagebuch ein. Das heisst nicht, dass die Trennung an sich für mich kein Thema mehr wäre. Aber ich werde inskünftig ein thematisch breit angelegtes Tagebuch führen, das Raum offen lässt für alle Aspekte meines Lebens.
Donnerstag, 5. November 2009
Mein Vater
In diesen Tagen jährt sich der zweite Todestag meines Vaters. Es kommt mir vor, als sei er vor einer kleinen Ewigkeit gestorben. In meinem Alltag ist er nicht mehr omnipräsent, ich denke nicht mehr täglich an ihn, wie dies in den ersten Wochen und Monaten nach seinem Tod noch der Fall war. Doch in diesen Tagen kommt dieses Gefühl wieder auf, dieses sonderbare Gefühl des endgültigen Verlustes.
Ich war vor zwei Jahren im Spital, es war Abend, trüb und nass wie heute, der Vater atmete schwer, ich hielt seine Hand und wusste nicht, wie es weitergehen soll. Namentlich zögerte ich, ob ich die Nacht bleiben solle. Der junge Stationsarzt meinte, das wisse man halt nicht so genau, natürlich könne er in der Nacht sterben, aber er könne genau so noch lange leben. Na ja, was soll man damit anfangen? Ich war an diesem trüben Novemberabend nur noch fertig, müde, ausgelaugt, ich verabschiedete mich vom Vater, stand bei der Türe und winkte noch einmal, dort lag er, jetzt viel ruhiger, man hatte ihm eine Spritze verabreicht. Und dann, des Nachts, es war so gegen 0330 Uhr, kam das Telefon, wonach der Vater gestorben sei. Diesen Augenblick werde ich nicht vergessen: ich war gefasst und gleichzeitig völlig aus der Bahn geworfen. Ich wollte nur noch für mich allein sein und suchte Trost in den Schriften von Karl Barth.
Daran denke ich heute, auch an meine Feigheit, nicht geblieben zu sein. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er da lag, durchaus friedlich in einem gewissen Sinn, ohne Panik, er, der den Tod so sehr verachtete, er, der eigentlich ewig leben wollte, und immerhin 84 Jahre alt geworden ist und bis zum Ende seines Lebens über eine sehr gute Gesundheit verfügte. Mein Vater liebte das Leben, namentlich die gute Küche, wie oft bin ich mit ihm essen, nein, tafeln gegangen, ich sehe ihn vor mir, diesen Genussmenschen, dem ich also nie wieder begegnen werde.
Solche Trennungen sind besonders schmerzhaft, aus dem simplen Grund, weil sie unwiderruflich sind. Nie werde ich ihm wieder die Hand reichen können. Ja, mein Vater ist tot, und doch:
"Wie nah sind uns manche Tote, doch: wie tot sind uns manche, die leben".
Dienstag, 13. Oktober 2009
Leidenschaft pur
Ich habe in den letzten Wochen keinen Eintrag mehr gemacht. Das heisst nicht, dass sich nichts bewegt hätte, im Gegenteil. Zum einen halte ich fest, dass ich ein gutes Verhältnis zu meiner (Ex)frau habe, wir sind befreundet und, wie gesagt, wie Geschwister zueinander. Gestern hatte ich starke Rückenschmerzen, und sie hat mir den Rücken massiert. Es tat mir gut, und es waren keinerlei "falschen" Gefühle dabei, auf beiden Seiten. Wir sehen uns täglich, trinken ein Glas Wein, plaudern über Politik, Musik, Film, Theateraufführungen, über die Arbeit und natürlich über die gemeinsame Tochter.
Seit geraumer Zeit geniesse ich einen intensiven und noch nie da gewesenen Sex mit einer sehr sinnlichen und klugen Frau. Wir erleben Momente grösster Leidenschaft, wir haben beidseitig keinerlei Hemmungen und zelebrieren schlicht den Augenblick der Extase. Das tut gut und wirkt unglaublich befreiend.
Sich fallen lassen können...jemanden beglücken zu können...das Gefühl des Nimmersattseins....sich von Kopf bis Fuss zu spüren....die Nacht zum Tag werden zu lassen....die Grenzen ausloten und behutsam, aber bewusst, überschreiten....
all das...
und noch viel mehr erleben zu können
ist ein Glück
und ein Geschenk des Lebens
Samstag, 22. August 2009
Krieg raus, wer du bist
Wolf Biermann hat einen kleinen unscheinbaren Satz des englischen Philosophen Alexander Pope vertont und daraus ein schönes Lied gemacht. "Krieg 'raus, wer du bist, und schnüffle nicht Gott hinterher, denn was die Menschheit ist, begreifst du am besten - an dir".
Ja, genau das ist es. Auf dem Weg zu sich selbst muss man ehrlich mit sich selbst sein. Der Weg zu sich selbst offenbart neue Erkenntnisse, wenn man bereit ist, seine Gefühle zuzulassen. Dabei muss die Schere im Kopf abgelegt werden, alle Gefühle und Neigungen sind wahrzunehmen. Ich erfahre in der letzten Zeit viel über mich, es sind Dinge, die von mir vermutlich lange nicht wahrgenommen worden sind. Es gilt, sein Innerstes auszuleuchten und sich den Grundfragen des Lebens zu stellen.
Selbstforschung und Selbstbefragung, eben: krieg raus, wer du bist.
Sonntag, 16. August 2009
Sonntagsbilanz - und darüber hinaus
Heute waren wir wandern entlang eines Gewässers, verbunden mit Schwimmen im Fluss, schön war's, erholsam, Natur pur.
Ich drehe mich trotz allem im Kreis und denke oft an eine Frau, die ich letztes Jahr kennen gelernt habe. Daraus entstand eine intensive Fernbeziehung, Fernbeziehung deshalb, weil wir rund eine Flugstunde getrennt voneinander wohnen - und uns deshalb im Schnitt bloss einmal monatlich sahen. Nun ist diese Beziehung in Brüche gegangen, und ich tue mir schwer damit, zumal die Trennung gewissermassen im virtuellen Raum stattfand, nicht von Angesicht zu Angesicht. Seither schreiben wir uns zwar immer wieder, mal auch ein Telefon, ein sms, und nun....ich weiss es nicht. Ich kann nicht loslassen, denke oftmals an diese oder jene Begebenheit, an Berührungen, Zärtlichkeiten, Gesprächen, Gerüchen, Musik... Trennungen sind etwas sehr Spezielles, sie berühren und lassen eine Leere zurück.
Ja, sie lassen eine Leere zurück.
Und viele Fragezeichen.
Und Wunden.
Keine Fortschritte
Irgendwie habe ich es satt, über Partnerschaftsprobleme zu sprechen, über verpasste Lebenschancen, über Männer und Frauen und dergleichen mehr. Ich hatte heute Abend ein ganz leckeres Abendessen eingenommen, draussen in einem lauschigen Garten, dazu passenden Wein, man lebt ja schliesslich nur einmal, davon gehe ich mal aus. Und dazu diese Gespräche über Gott und die Welt, sie betrüben mich neuerdings, weil ich das Gefühl habe, mich im Kreis zu drehen.
Und ich beginne auch, diesen Sommer zu verfluchen, ich will endlich den Herbst haben, den Nebel, die Nässe und Kälte, das behagt mir mehr, dann muss ich mich nicht mehr diesen Stimmungen aussetzen. Ja, ich werde irgendwie bitter, weil ich glaube, etwas zu verpassen, ich wähne mich im Schnellzug, der gnadenlos weiterfährt, es gibt keinen Ausgang, er fährt einfach fort ohne erkennbares Ziel.
Ich verfluche auch leere Wohnungen, leere Kinderzimmer ohnehin. Hoffnung muss begründet sein, und ich finde nirgends vernünftige Argumente, die Hoffnung zulassen würden. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich durch den Alltag zu wursteln, den Alltag zu bewältigen. Meine Exfrau sagte mir heute wieder, ich solle endlich versuchen, mich von äusseren Einflüssen zu befreien, ich solle einfach das Leben akzeptieren, wie es sei, loslassen und leben, das ist ihre Devise. Das klingt ja ganz vernünftig, und doch. Ja, heute Abend geht es mir nicht gut. Es ist ein Uhr morgens, aber ich kann nicht schlafen, obwohl ich müde bin.
Ist es so schwierig, ein einigermassen normales Leben zu führen?
Das kann doch nicht alles gewesen sein,
das bisschen Sonntag und Kinderschrein,
das muss doch noch irgendwo hingehn, hingehn.
Die Überstundn, das bisschen Kies
und aabns inner Glotze das Paradies
da in kann ich doch keinen Sinn sehn, Sinn sehn.
Das kann doch nicht alles gewesen sein
das muss doch noch irgend was kommen! nein
da muss doch noch Leebn ins Leebn, eebn.
He, Kumpel, wo bleibt da im Ernst mein Spaß?
Nur Schaffn und Raffn und Hustn und Hass
und dann noch den Löffl abgebn, gebn.
Das soll nun alles gewesen sein
das bisschen Fußball und Führerschein
und das war nun das donnernde Leebn, Leebn.
Ich will noch 'n bisschen was Blaues sehn
und will noch paar eckige Rundn drehn
und dann erst den Löffel abgebn, eebn.
Wolf Biermann
Mittwoch, 12. August 2009
Instabilität
Ich hatte heute wieder eine kleine Attacke, eine Gemütsattacke. Da warte ich auf dem Pausenplatz vor der Tagesschule auf meine Tochter, und plötzlich, ich habe keinerlei konkreten Grund anzuführen, fühle ich mich schlicht elend, ich könnte los heulen wie ein kleiner Junge. Rund um mich: zufriedene Kinder, die auf dem Boden malen, an den Tischen basteln, ein Kind jongliert mit Bällen, andere spielen Fussball. Eine friedliche schöne Spätnachmittagsstimmung. Alltag. Kinder, die noch Kinder sein dürfen. Und dann kommt die Kleine, will noch eine Freundin mit nach Hause nehmen. Aber klar doch.
Dieses Auf und Ab ermüdet mich, mein Gemütszustand ist labil wie das aktuelle Wetter, von stabilen Verhältnissen keine Spur.
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